Exerzitien im Alltag: „Standpunktwechsel: Vom Rand in die Mitte. Herausgefordert durch soziale Fragen.“

Die erste Woche stand unter der Frage: Was macht eine Person aus? Ein Prinzip der Katholischen Soziallehre (KSL) ist das Prinzip der Personalität. Der Mensch muss im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen und Urheber, Mittelpunkt und Ziel allen gesellschaftlichen Handelns bleiben. Was hat das mit Judas, der wohl am meisten verachteten Gestalt der Bibel, zu tun? Judas war ein Zelot, ein „Eiferer“, der Typ des Ungeduldigen, dem Gottes und Jesu Handeln viel zu langsam, zu nachsichtig und zu liebevoll sind. Dass Jesus den Weg der Gewaltlosigkeit und des Friedens geht, will nicht in seinen Kopf. Also nimmt er die Sache selbst in die Hand. Aber Judas wird auch im Augenblick des Verrats als einer der Zwölf bezeichnet. Jesus spricht ihm seine personale Würde nicht ab, beschönigt aber auch nicht die Schuld. Bei Mt erkennt Judas angesichts der Verurteilung Jesu seine Schuld und bereut seine Tat. Aber er wird mit und in seiner Schuld alleingelassen: „Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache.“ Diese Verzweiflung treibt ihn zum Selbstmord, er erhängt sich.

In einer Kirche in Burgund (Vézelay) ist Judas auf einem Säulenkapitell zweimal dargestellt: auf der einen Seite, wie er sich erhängt und seinem Leben verzweifelt ein Ende gemacht hat, und auf der anderen Seite Jesus, wie er den toten Judas auf seinen Schultern trägt. Jesus, der gute Hirt: er lässt Judas nicht hängen, er nimmt ihn vom Strick, nimmt ihn auf seine Schultern. Er bringt ihn nach Hause – wie das verlorene Schaf.

Die zweite Woche stand unter der Frage: Wie gehen wir miteinander um? Das Prinzip der KSL, das uns beschäftigte, ist das Prinzip der Solidarität. Dieses verpflichtet die größere Gemeinschaft zur Hilfeleistung. Es wendet sich gegen die Ideologie des Liberalismus, der den Egoismus des Einzelnen als bestimmende Triebkraft der Gesellschaft sieht („Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“). Dagegen gründet die Solidarität in der Überzeugung, dass alle Menschen Geschwister sind. Umfassende Solidarität setzt dem liberalen Prinzip die Aussage entgegen: „Wenn jeder an seinen Nächsten denkt, ist an alle gedacht.“ Der Bibeltext, der uns das vor Augen stellt, ist das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger. Jesus will, dass seine Jünger „70 mal 7“ vergeben. Damit meint er nicht, dass wir mitzählen. Wer zählt, hat noch nicht vergeben. Jesu will unbegrenzte Vergebung. Die Schuldsumme von zehntausend Talenten sprengt alle normalen Vorstellungen. Und doch wird sie ihm vergeben.

Als der entschuldete Knecht eiskalt seinen Schuldner wegen einer ganz geringen Schuld ins Gefängnis werfen lässt, ist dies zutiefst schockierend. So wird die Pointe des Gleichnisses deutlich. Jesu Weg ist der Weg der Feindesliebe, der Solidarität mit den Schwachen, der Vergebung und der selbstlosen Liebe. Jünger:in Jesu zu sein bedeutet, diesem Weg Jesu zu folgen. Wer die Barmherzigkeit Gottes und seine Solidarität mit uns Sünder:innen erfahren hat, kann gar nicht anders als solidarisch mit anderen leben.

Die dritte Woche stand unter dem Thema: Wer trägt Verantwortung? Das dazu passende KSL Prinzip ist die Subsidiarität. Dieses Prinzip besagt, dass der einzelne Mensch bzw. Institutionen verpflichtet sind, Aufgaben, die sie selbst erfüllen können, auch zu erfüllen. Wenn sie aber überfordert sind, dann soll ihnen die nächstgrößere Gemeinschaft helfen. Das biblische Prinzip des sogenannten „Jubeljahres“ aus dem AT (z.B. Jer 34,8-22), bei dem alle 50 Jahre alle Schulden erlassen werden, drückt ebenso wie die Befristung der Schuldsklaverei auf sieben Jahre deutlich aus, dass es einen Freiraum braucht, damit die Einzelnen sich entfalten, ihren Pflichten nachkommen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können.

Der Anlass und Grund der Freilassung wird im biblischen Text nicht ausdrücklich genannt. Es geht um hebräische Sklaven, freie Bürger, die sich in Schuldknechtschaft begeben müssen, weil sie infolge der Kriegswirren ihre Existenzgrundlage verloren haben. Der König ordnet die Freilassung an und verpflichtet die Herren dazu, wohl, um in der Belagerungsnot Unruhen zu unterbinden und weitere Kämpfer zu gewinnen. Als die Situation sich wieder entspannt hat, werden die Sklaven wieder zurückgeholt und erneut zur Knechtschaft gezwungen. Dagegen wendet sich Jeremia im Auftrag Jahwes.

Ist das Prinzip des Jubeljahres überhaupt realisierbar? Auch wenn es im Großen nicht umgesetzt wird, so gibt es doch immer Menschen, die als Einzelne den Schuldenerlass sehr ernst nehmen. An ihnen dürfen und müssen wir uns orientieren.

Die vierte Woche stand unter dem Thema: „Wie weit darf ich gehen?“ Hier stand das Gemeinwohl im Mittelpunkt. Es besteht nicht im größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen. Es ist nicht in Ordnung, wenn eine Mehrheit von Menschen ihren Wohlstand auf Kosten der Minderheit begründet. Das Gemeinwohl betrifft alles, was dem Menschen dabei hilft, seine Anlagen entfalten zu können. Alle Mitglieder einer Gesellschaft müssen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen und zu entfalten.

Die Erzählung von Nabots Weinberg (1 Kön 21,1-29) macht deutlich, was den Blick auf das Gemeinwohl behindert. Es ist der Blick ausschließlich auf das Eigenwohl, verbunden mit Macht und Missbrauch von Seiten König Ahabs und seiner Frau Isebel: Hinterlistige Mittel, falsche Anschuldigungen, letztlich Korruption, Ungerechtigkeit und die Verletzung von Menschenrechten.

Es geht um das klare Brechen des 9. Gebots: Du sollst nicht wollen, was dem anderen gehört. Sei nicht neidisch. Schau auf das, was du hast und nicht auf das, was du nicht hast. Gier lässt über Leichen gehen.

Die fünfte Woche hatte das Thema „Was bleibt? Die Vorläufigkeit des Besitzes“. Es ging um das Prinzip der Nachhaltigkeit, welches Rahmenbedingungen fordert, die gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, wirtschaftlichen Wohlstand ermöglichen und für sozialen Ausgleich sorgen. Es steht für eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht, ohne die Möglichkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Eine nachhaltige Entwicklung muss die drei Säulen Ökologie, Wirtschaft und Soziales vereinen: Es reicht nicht, etwa im Bereich Umwelt besonders ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele zu definieren, wenn andere Bereiche vernachlässigt werden.

Haben, was ich brauche, aber den Blick auf andere nicht verlieren: Dazu mahnt uns die Erzählung vom reichen Kornbauer. (Lk 12,13-21).

Was kann uns von der Habsucht, dem egoistischen Blick auf mich abhalten? Eine Gefahr ist die fehlende Dankbarkeit, eine zweite sind Stolz, Hochmut und Unabhängigkeit. Ein dritter entscheidenden Fehler ist der eingeengte Blick auf die eigene Absicherung.

Am Ende müssen wir uns fragen: Worauf baue ich mein Leben? Was gibt mir Halt, Glück und Erfüllung – nicht nur kurzfristig, sondern auch im Blick auf die nächsten Generationen?

Sr. Gudrun

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