Der gemeinsame Abend über das Menschenbild von Franziskus hat mich sehr beeindruckt. Sr. Christine Mülling (Sießener Franziskanerin) und Sr. Pernela Schirmer (Dillinger Franziskanerin) haben sehr viele, für mich auch praktische Details herausgearbeitet, von denen ich einige mit euch teilen möchte.
Begonnen hat der Vortrag mit der Ermahnung 5,1. Der Hl. Franziskus schreibt: „Bedenke, o Mensch, in welch erhabene Würde Gott der Herr dich eingesetzt hat.“ Alle Menschen haben die gleiche Würde, weil sie von Gott mit dieser Würde beschenkt sind. Franziskus verlässt die Oberstadt, die Stadt der Majores, und begibt sich vor die Tore der Stadt zu den Minores, den Minderen. Vor der Stadt lebten die Schweinehirten, die Aussätzigen, Narren, Gaukler, Landstreicher, Tagelöhner. Auf dieser untersten Ebene siedelt sich Franziskus mit seinen Brüdern an. Er will unter ihnen sein. Er will durch sein Dasein mit den Ärmsten diese die Liebe Gottes spüren und sie erfahren lassen, dass sie die gleiche Würde haben wie die Reichen der Stadt. Für die damalige Zeit – und wohl auch heute – etwas Ungeheuerliches. Menschen, die auf ihre Privilegien verzichten, leben mit denen zusammen, denen Privilegien versagt bleiben.
Diese gleiche Würde lässt Franziskus auch offen sein für alle, die sich ihm anschließen wollen. In der Gemeinschaft ist Platz für Adelige, Analphabeten, Kranke, Aussätzige, Gelehrte und einfache Menschen. Franziskus nennt die Gemeinschaft „Mindere Brüder“, fraternitas, Bruderschaft, um die Geschwisterlichkeit als zentrales Element zu betonen. Adelige verzichten auf ihre Vorrechte, um mindere Brüder zu sein. Das bedeutet: allen Menschen dienstbar sein, Freund:in der Bettler zu werden. Die Zuneigung zu den Kleinen schlägt Brücken über alles Trennende. Von den Brüdern geht etwas Besonderes aus.
Franziskus entwickelt auch ein Demokratieverständnis: Keiner soll Macht und Herrschaft ausüben. So kommt es auch, dass bei gemeinsamen Treffen, den sogenannten Mattenkapiteln, alles Wichtige besprochen wird. Und die, die die „Macht haben“, sollen den anderen Minister (= Diener) sein. Da wird das jesuanische Bild der Fußwaschung aufgegriffen. Aus dem Wissen und der Erfahrung heraus, dass alle Menschen erlösungsbedürftig sind, erwächst die franziskanische Haltung der Barmherzigkeit, die die Brüder einander, aber auch sich selbst gegenüber erweisen sollen.
Liebe ist nur möglich, wo wir einander in Offenheit begegnen, wo wir uns verwundbar machen, wo wir Schutzmauern abbauen, wo wir uns dem/der anderen öffnen. In Jesus hat Gott sich verwundbar gemacht, damit die Liebe Gottes erfahrbar werden kann. Franziskus wagt es deshalb auch, sich wie Jesus verwundbar zu machen. Er wagt es, von der Lepra infiziert zu werden. Er wagt es, von seinen Brüdern enttäuscht und verletzt zu werden.
Durch das Offenbaren der eigenen Not, soll Geborgenheit und Liebe erfahrbar werden, Liebe, die der Liebe einer Mutter gegenüber ihren Kindern gleich kommt. Das schafft ein „familiäres Modell“. Wenn die Brüder schon kein Dach über dem Kopf haben, sollen sie wenigstens ein Dach über der Seele haben.
Nehmen wir dieses Bild mit hinein in unseren Alltag, wenn wir bald Weihnachten feiern, das Fest der Menschwerdung, das Fest der Familie.
Sr. Elisabeth
